Von Opfergedanken und lausigen Zeiten

Es ist Samstag und der Frühstückstisch ist ordentlich gedeckt. Ich freue mich auf den duftenden Kaffee vor mir und will gerade in mein Brötchen beißen, als Viktoria, unsere Zehnjährige die Idylle durchbricht: „Mama, es juckt mich so. Hier neben.“ Und dann kratzt sie sich am Kopf hinter den Ohren.

Bei mir gehen sofort sämtliche Warnlampen an: Läusealarm? Obwohl wir dank unserer vier Kinder schon fünfmal das Vergnügen mit diesen Plagegeistern hatten, schiebe ich diesen Gedanken aber rasch beiseite. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass wir keine Läuse haben können!

Nicht, weil wir zu fein dafür wären, sondern weil ich seit der ersten Epidemie auf allen Köpfen unserer großen Familie – meine Schwiegermutter dank ihrer Hilfsbereitschaft eingeschlossen – weiß, dass Läuse gerne ihre Brutstätte im Haar von Menschen einrichten, die sich stark als Opfer empfinden und so immer wieder an ihren Umständen leiden. Als die Tierchen beim ersten Befall vor acht Jahren trotz schwerer chemischer Geschosse nicht wirklich aufgeben wollten, hatte ich mich intensiv mit dem geistig-seelischen Prinzip hinter Parasitenbefall befasst.

Und da ich mittlerweile viele Muster und Blockaden dank intensiver Innenarbeit und fachkundiger Begleitung durch Annette, meine Freundin, Ärztin und Lehrerin an der Schule der Heilkunst, erlösen und dadurch auf allen Ebenen heilen und erstarken durfte, halte ich mich und meine Liebsten für keine typischen Parasiten-Wirt mehr.

„Da ist nichts! Es ist sicher nur die Sommerhitze“, bestimme ich gegenüber Viktoria und hebe ganz entspannt mit Links ein paar ihrer Strähnen nach oben, weil ich rechts noch immer mein Brötchen startklar zum Abbiss in der Hand halte.

Mit dem ersten Blick hinter die Kulissen überfällt mich augenblicklich selbst ein kräftiger Juckreiz: dunkle Pünktchen, zu langen Ketten aufgefädelt, kleben an unzähligen Haaren, ein millimetergroßes Etwas huscht an meinen spitzen Fingern vorbei gerade noch ins Dickicht. „Hari, Du musst zur Apotheke!“, versuche ich Fassung zu bewahren und keinen unnötigen Aufruhr am Frühstückstisch zu kreieren. Mein Frühstücksbrötchen ist fortan bis zum späten Nachmittag vergessen! Auch die Tatsache, dass wir am nächsten Tag eigentlich in den Urlaub wollten und noch nicht mal gepackt haben. Gottseidank haben wir keine verbindliche Buchung diesmal. In der Apotheke nimmt Hari gleich die Familienpackung.

Den Rest des Tages tränke ich die Haare von Viktoria, ihren drei Geschwistern und Hari mit öliger, stinkender Tinktur, bevor ich mich selbst behandele. Zwar hat die penible Durchsicht ergeben, dass wir anderen – oh Wunder! – befallsfrei sind – aber sicher ist sicher, beschließe ich. Bei Ungeziefer hört bei mir die Tierliebe auf! Ich kämme stundenlang Haare aus, ziehe Betten ab, sammele alle in Umlauf befindlichen Kleider ein, packe Mützen, Barbies, Kuscheltiere, Haargummis ins Tiefkühlfach. Die Bürsten steckt Hari in kochendes Wasser. Wir rollen zwei Kinderzimmerteppiche ein, über die sich Viktoria in den Tagen zuvor ausgiebig gewälzt hat, packen Sitzsäcke weg und verschließen sämtliche Kuscheltiere und Sofakissen der Familie für die nächsten acht Wochen in luftdichte Säcke unten im Keller. Wir saugen zwei Sofas ab, sämtliche Teppiche und auch alle Sitze im Auto.

Wir arbeiten genau, fast kleinlich und dank unserer gesammelten Erfahrung sehr routiniert und ohne große Worte. Der Wäscheberg im Keller reicht fast bis zum Türgriff und ich bete, dass Waschmaschine und Trockner nicht ihren Geist aufgeben, wie das vor fünf Jahren schon mal beim Kampf gegen die Läuse der Fall war.

Annette habe ich mittlerweile auch längst informiert und ich kann mir bildlich vorstellen, wie es sie beim Lesen meiner lausigen Nachrichten selbst ordentlich am Kopf kribbelt. Am Tag zuvor habe ich mich bei ihr in der Praxis noch per Umarmung in den Urlaub verabschiedet…

Nun klage ich bei Annette über all die Kollateralarbeit, die mit den Läusen einhergeht, meinen Ekel vor den Tierchen und auch darüber, dass es mal wieder ausgerechnet uns getroffen hat. Bis zum Abend sind Hari und ich schwerstens beschäftigt, den kleinen Viechern den Garaus zu bereiten.

Annette hat aufrichtiges Mitgefühl mit uns im Kampf gegen die „Opfertierchen“, wie sie die Parasiten in einer Nachricht an mich bezeichnet, in der es darum geht, neben ganz professionellen medizinischen Behandlungstipps das Prinzip hinter dem Symptom zu durchleuchten und damit zu erlösen.

Also beleuchte ich die Szene nochmals auf geistiger Ebene, um auch da die Parasiten zu entlarven. Was ist los mit Viktoria? Es stimmt: Gerade in den letzten Wochen und Monaten war sie nicht glücklich in ihren Beziehungen zu Freundinnen, Klassenkameraden, Lehrern und auch in der Familie. Immer wieder war sie am Klagen. Aber anstatt für ihre Bedürfnisse einzutreten, hat sie aus Angst, Beziehungen zu gefährden, vieles geschluckt und ertragen.

Das kommt mir sehr bekannt vor, sicherlich auch Hari, meinem Mann. Wie vielen Menschen geht es auch uns so, dass wir aus Angst vor Konsequenzen lieber eigene Schritte unterlassen und daran leiden.  Stattdessen wächst dann der innere Vorwurf an das Leben an sich und gegenüber allen anderen. Viktoria als unser gemeinsames Kind hat diese Ausrüstung sozusagen prototypisch mitgeliefert bekommen.

Damit das aber nicht so weitergeht, schaue ich mit Annettes liebevoller Unterstützung, wo es bei mir noch hing in letzter Zeit, welche Schichten an Opferthemen es noch abzulösen gilt. Denn was auch immer ich in mir oder wir als Eltern in uns erkennen, steht sofort den Kindern als Erfolg zur Verfügung. Das durfte ich auf meinem Weg mit Annette schon so häufig erleben. Oder andersherum: die Kinder leben all das aus, was bei uns als Denkmuster noch im Verborgenen schlummert. Auch ermuntere ich Viktoria erneut, freundlich, aber bestimmt für ihre Grenzen einzutreten, die sie gerade in der Schule häufig verletzt sieht.

Ich muss nicht lange in mir suchen, bis mir etwas einfällt! Ich war häufig genervt zuletzt, weil ich meine Grenzen missachtet fühlte, aber mich kaum traute, diese deutlich nachzuziehen. In dieser Zeit hatte ich unter anderem Klienten, die nicht zahlten, die ihre Termine ständig kurzfristig umlegten oder gar ganz vergaßen, die mich abends spät oder am Wochenende kontaktierten oder mir gar unfreundlich oder überhaupt nicht antworteten.

Ich litt auch daran, dass sich bei uns nichts änderte. Dass Hari und ich keine neuen Wege entdeckten und trotz vieler Ideen scheinbar nicht von der Stelle kamen. Ich stellte mich auch insgeheim in Frage, weil ich mich nicht inspiriert und kreativ genug fühlte, nicht „besonders“ genug, zumindest nicht so wie andere, über die ich in sozialen Netzwerken las. Zuletzt litt ich sogar daran, dass mir nichts mehr einfiel, über was in unserer Familie ich denn überhaupt noch schreiben könnte.

Das zumindest hat sich ja nun – ebenso wie alle Läuse und ihre Nachkommen – auch erledigt!

Preema

Illustration: Johanna Luft

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Über Preema Christina Luft

Preema Christina Luft ist Mutter von 4 Kindern und erlebt in ihrem kleinen Familienunternehmen hautnah, was es heisst, den Seelen zuzuhören, sie glücklich zu machen und zu helfen, dass sie wachsen. Als Heilerin und Kinder-und Jugendcoach hilft sie anderen Menschen, ihre Selbstheilungskräfte freizusetzen. Preema lebt und arbeitet zusammen mit ihrem Mann in der Nähe von Frankfurt. www.coaching-luft.de

2 Kommentare

  1. Was für ein toller Artikel und wie bekannt mir das alles vorkommt! Vielen Dank für diese schöne und hilfreiche Geschichte am Frühstückstisch…

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